Sich selbst feiern?

Nicht nur in aktuellen Charts tauchen Texte auf, in denen sich der Interpret selbst verherrlicht oder in denen Selbstbewusstsein mehr als ganz groß geschrieben wird. "Ein Hoch auf uns..." - egal, ob Flitzpiepe oder Genie. Man redet in diesem Zusammenhang auch von "Generation Weichei" oder "Generation Maybe" - wenngleich beide Begriffe auch verschiedenen Analysen entspringen.
Jedenfalls gab es doch in der "Die Zeit" Anfang Juni 2014 einen interessanten Artikel zur Prozentrechnung mit einem schönen Beispiel, warum die Angabe von einem "Durchschnitt" manchmal einfach nicht angebracht ist.

 

...natürlich auf dem wahren Fan-Platz!...

Fotoausstellung "Glanzlichter 2013" in Gotha

Etwa 18000 Fotos wurden zum Wettbewerb "Glanzlichter" eingereicht, von denen in dieser Ausstellung die etwa 100 von einer Jury ausgewählten Besten gezeigt werden.
Gotha an sich hat ja eigentlich nicht viel zu bieten. Hier gibt es einen räudigen Bahnhof, verfallen und dreckig. Daneben ein Bus- und Straßenbahnhof, recht neu und mit viel Beton gestaltet. Ein paar Stellen mit aufgesetzten Kunstklumpen erinnern an alte Industrieschornsteine. Und dann gibt es noch das Schloss Friedenstein. Ein altes, großes und wirklich schönes Areal, aus dem man mit viel Aufwand eine Attraktion machen könnte. Hier finden wir (im Feb. 2014) die genannte Fotoausstellung.

Der große Raum ist eigentlich wie dafür geschaffen und man hat hier auch ausreichend Überwachungskameras installiert.
Mit der Installation von Beleuchtungseinrichtungen hat man indes reichlich gespart. So muss man an die ohnehin für ihre fotografische Qualität viel zu kleinen Ausdrucke sehr nahe herangehen, um Details erkennen zu können.

Das Siegerfoto an der hinteren Schmalseite wurde von einer Leinwand im Raum verdeckt (Foto links). Wir wollten die ansonsten funktionslose Leidwand (sie stand wohl noch von der Vernissage) einziehen, aber kaum berührt kam schon die Securitate aufgeregt herein und unterband das Ansinnen.
Zum Glück hatte ich einen Röntgenapparat dabei - so konnte ich dann doch noch einen (fast) freien Blick auf die "Schnecke vor dem Sternenhimmel" aufzeichnen (Foto rechts)...

Zum Schluss hatten wir Hunger und wollten was Essen gehen.
Die befragten Personen konnten uns keinen geeigneten Ort benennen außer das Rathaus. Da waren wir auch, aber da gehen wir nicht mehr hin.
"Bing"-Küche. Auf der Speisekarte 1040 Gerichte. Der Koch war nicht da, das Essen dürftig, das Besteck schon über 20 Jahre alt und kräftig abgenutzt. Teller kalt, Cola ohne Geist. Letzterer steckte dafür im Apfelsaft (Apfelsaft mit Gas).
Heimfahrt im Zug: Heiß, feucht, muffig und klebrig. So wie vor 30 Jahren eben...

Kurz: Das war eine Zeitreise.

Warum der erste Gedanke der Beste ist...

Es war irgendwann am 20. Dezember 2013 10:21 Uhr.
Auf dem Weg von Weida (Thür.) nach Ronneburg komme ich an einer Tankstelle vorbei und denke noch, dass ich mir vielleicht eine Bockwurst zum Verzehr gönnen sollte, um heute ohne Mittagspause durchgängig Dienst verrichten zu können. Immerhin ist so ein kleiner Happen (wenn man ihn rechtzeitig dem Körper zuführt) ein guter Energiespender bis in den Nachmittag hinein. Leider ist an dieser Tankstelle die Bockwurst erfahrungsgemäß gar nicht nicht sehr groß und kostet 1,50€.
"Zu teuer an der Tanke" denke ich und fahre an selbiger vorbei. "Ich komme durch Wünschendorf und da ist bestimmt ein Fleischer. Beim Fleischer isses frisch und günstig." Und ich denke an die perfekte Wurst. Vielleicht an die in der Abbildung, gekauft am Kiosk an der Festung Königstein. Im Radio spielt Musik, sie kommt von einem USB-Stick und es handelt sich um mp3. Natürlich irgendwoher. Mugge aus Mitte der 80er Jahre. Ich schalte hin und her. Marianne Faithfull, U2, Mike Oldfield, Heino. Ich bleibe bei Pink Floyd-Another Brick In The Wall hängen und fahre mit leichtem Hunger und Freude auf den heißen, mit Senf bestrichenen Dampfriemen im frischen Bäckerbrötchen durch den Regen.

Keine 10 Minuten später konnte ich vor der Fleischerei "Örtel" (Name geändert) einparken.
An der Wursttheke war Polonaise. Fünf ältere Damen kaufen Scheibe für Scheibe und können sich häufig nicht entscheiden oder die Schilder nicht lesen.
"Ich will das da... nee, daneben, ja, ähm. Was kostet. Nee. Und die andere?... Hammse Mutzbraten? Dann nehmich Kassler..."
"Eindeutig die Falsche Entscheidung" war mein erster Gedanke. Eine andere Möglichkeit, schnell und sicher an eine frische Wurst zu kommen, bot sich mir nicht und so blieb ich stehen. Mein bester Freund, das Unterbewusstsein, war in diesem Moment offensichtlich über das Bevorstehende bereits informiert.

10 Minuten Wartezeit, hinter mir drei Damen, in der Summe etwa 200 Jahre alt. Eine heißt Else.
Die hübsche Verkäuferin, vielleicht Mitte 30, lächelt: "Bitte?"
"Eine Bockwurst, gleich auf die Hand."
"Wie jetzt. Eine kalte Bockwurst einfach so?"
"Nein, heiß und im Brötchen."
"Das dauert aber, ich muss erst eine warm machen."
"Ok, ich habe Hunger."
Die Wurstfachverkäuferin schaut auf einem verglibten Zettel an der Wand und sucht das Wort Bockwurst.
"Eins Achtzig!"
"Ich wusste es", denke ich.
"Boh!" brabbelt es aus mir heraus.
Ich bezahle und weiß, dass dies ein klarer Fehler war. Der erste Wink kam von meinem Kopf, dass ich an der Tanke essen soll. Der zweite Wink waren die hundert Rentner in der Warteschlange. Der dritte Wink war das Erkennen, dass hier nur eine Mirkowelle rumsteht.
Die Verkäuferin bedient unterdessen weiter. Zwischendurch schiebt sie eine Bockwurst in einer mit Wasser gefüllten Schale in die Mirkowelle und dreht die Uhr auf.
"Na klasse." denke ich.
Nach drei, vier Minuten schaut sie mich an. "Dauert noch einen Moment."
Ich sage "Reicht, die ist warm genug."
"Ja gleich, unsere Mikrowelle ist nicht so stark."
Kurzes Warten, während sie die Oma Inge weiterbedient.
"PUFF!"
"Na klasse, das wars." denke ich schon wieder und erinnerte mich an die Wurst von BFT in Weida, die zwar gut aussah, aber vorher schon zwei Stunden im Garer vor sich hinmuffelte, über die ganze Länge aufgefetzt war und dieser Riss von der verbiesterten Alten an der Kasse mit Senf zugeschmiert wurde. Einfach ekelhaft.
"Oh, jetzt muss sie aber raus." meint die nette Brünette.
"Ich glaube auch." meine ich.
"Die ist jetzt geplatzt, aber nur n bissl."
"Wie n bissl?"
"Nur am Rand ganz wenig. Ehrlich, nur ganz wenig am Rand, ich kann nichts dafür."
"Was solls, ich auch nicht."
"Gleich ins Brötchen?" (!)
"Ja."
"Senf drauf?"
"Ja."
"Bitte."
"Danke. Die ist aber ganz schön mitgenommen. Kriege ich Rabatt? Vielleicht 50ct CashBack?"
Lächeln. "Geht nicht. Ist schon gebucht. Da komme ich mit der Kasse durcheinander."
"Ok" sage ich im Bewusstsein des gravierenden Fehlers, "Ich habe Hunger. Vielen Dank. Auf Wiedersehen."
"Danke, Tschüß."
Die Wurst, keinesfalls länger als die von der Tanke, hatte ordentlich Biss.
Ich denke an Grönemeyer. "Außen hart und innen ganz weich."
Und so gibt es Fleischereien, die ich künftig nicht bei Hunger besuche und Tankstellen, an denen ich Bockwurst essen kann...